Lieferkette
37. Logistikstatusbericht: Resilienz inmitten von Störungen schmieden – permanente Volatilität globaler Lieferketten und neue Wettbewerbsvorteile
Basierend auf dem 37. Logistiklagebericht wird der Paradigmenwechsel der globalen Lieferkette von zyklischer Optimierung hin zu kontinuierlicher Anpassung analysiert, sowie wie Resilienz und digitale Produktivität zu zentralen Wettbewerbsvorteilen werden.
Permanente Volatilität: Von zyklischen Krisen zu anhaltenden Umbrüchen
Als das Council of Supply Chain Management Professionals (CSCMP) zusammen mit der Beratungsfirma Kearney den 37. Zustandsbericht zur Logistik veröffentlichte, machte der Titel „Geschmiedet im Umbruch“ bereits die neue Normalität der Branche deutlich. Der Bericht weist darauf hin, dass geopolitische Konflikte, häufige Änderungen der Handelspolitik, Schwankungen der Energiepreise, Arbeitskräftemangel und steigende Betriebskosten keine vorübergehenden Wellen mehr sind, sondern die Grundströmungen der produzierenden Industrie und Logistik für das nächste Jahrzehnt bilden.
„Fünfjahrespläne sind überholt, kontinuierliche Anpassung wird zum Standard“, schreiben die Autoren des Berichts. Im Jahr 2025 änderte sich die US-Handelspolitik durchschnittlich alle 1,5 Wochen, und die Komplexität der Zölle entwickelte sich von einer gelegentlichen Variable zu einem permanenten Betriebsparameter. Die Bedrohung für Unternehmen hat sich von „Netzwerkschulden“ – Ineffizienzen durch verzögerte Neugestaltung – hin zur „Netzwerkdrift“ verlagert, d.h. einer allmählichen Verschlechterung der Leistungsfähigkeit der Lieferkette aufgrund ständiger passiver Anpassungen.
Kostenstruktur: Logistikanteil am BIP auf Rekordtief, aber Druck unvermindert
Laut Bericht beliefen sich die gesamten gewerblichen Logistikkosten in den USA im Jahr 2026 auf 2,4 Billionen US-Dollar, was 7,8 % des BIP entspricht. Diese Zahl ist rückläufig gegenüber 2,6 Billionen US-Dollar (8,7 %) im Jahr 2025, was oberflächlich auf eine Effizienzsteigerung hindeutet. Mit einem historischen Blick: Vor der Deregulierung des Lkw-Transports im Jahr 1979 machten die Logistikkosten etwa 19 % des BIP aus. Die jahrzehntelangen Effizienzsteigerungen waren nicht linear; die derzeit niedrige Quote ist das gemeinsame Ergebnis von Technologie, Skaleneffekten und Globalisierung.
Allerdings üben strukturelle Kräfte weiterhin Druck aus: ungleiches globales Wirtschaftswachstum, Inflation und Staatsverschuldung treiben die Finanzierungskosten in die Höhe, Handelsströme und Geopolitik beschleunigen die Neuordnung, Engpässe bei Arbeitskräften und Produktivität, sowie anhaltende Schwankungen der Energiepreise – diese fünf Faktoren, so der Bericht, sind kurzfristig nicht zu lösen.
Verkehrsträger: Lkw-Angebot konsolidiert, Luftfrachtvolumen auf Rekordniveau
Der Lkw-Transport bleibt der Motor der US-amerikanischen Güterverkehrswirtschaft. Der Bericht stellt fest, dass seit 2022 rund 89.000 Spediteure vom Markt ausgeschieden sind, sodass der Markt durch eine Angebotsbereinigung und nicht durch eine Nachfrageerholung ein neues Gleichgewicht erreicht hat. Nach der Verknappung der Kapazitäten begannen die Preise wieder zu steigen, aber die Nachfrage bleibt gespalten. Bemerkenswert ist, dass der Markt für Ganzladungen (Truckload) kein einheitlicher Markt mehr ist, sondern sich zu einer Vielzahl von Mikromärkten entwickelt hat, die durch spezifische Routen definiert sind – die Preisgestaltung, Kapazitäten und Dienstleistungen unterscheiden sich erheblich pro Route.
Im Schienenverkehr steht der Fusionsvorschlag von Norfolk Southern und Union Pacific im Fokus. Sollte er genehmigt werden, würde das erste durchgehende Schienennetz von Küste zu Küste in den USA entstehen. Befürworter argumentieren, dass dies die Transportzeiten verkürzen und die Verlagerung von der Straße auf die Schiene fördern würde, aber Kritiker befürchten einen Rückgang des Wettbewerbs und des Serviceniveaus. Der Bericht stellt fest, dass die Einnahmen der Class-I-Eisenbahnen stagnierten, die Wagenladungen leicht zunahmen, während die Einnahmen aus dem intermodalen Verkehr trotz steigender Mengen zurückgingen.Luftfracht verzeichnete 2025 einen historischen Rekord mit einem weltweiten Nachfragewachstum von 3,4 %. Allerdings gab es deutliche regionale Unterschiede: Die Route Asien-Europa legte um 10,3 % stark zu, während die Route Asien-Nordamerika um 0,8 % zurückging. Zollbedingte Vorziehkäufe trieben die Nachfrage zu Jahresbeginn an, anschließend führten steigende Treibstoffkosten, Anforderungen an nachhaltigen Flugkraftstoff, Einschränkungen auf der Golfroute und anhaltende geopolitische Störungen zu Schwankungen. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass die Luftfracht zunehmend auf Güter mit hoher Wertdichte ausgerichtet ist, wobei Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit eine höhere Priorität haben als die Transportkosten.
Die Schifffahrtskapazität bleibt weiterhin überhöht, aber Unterbrechungen (Rotes Meer, Straße von Hormus, Panamakanal, Schwarzes Meer usw.) reduzieren kontinuierlich die effektive Kapazität und stützen die kurzfristigen Frachtraten. Die Flut an Neubauablieferungen vertieft das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage weiter, während langfristige strukturelle Probleme noch gelöst werden müssen.
Lagerhaltung und 3PL: Fachkräftemangel und strategischer Wendepunkt
Die Beschäftigung in der Lagerhaltung stabilisierte sich bei 1,8 bis 1,9 Millionen Menschen, aber die Lücke bei hochqualifizierten technischen und Managementpositionen bleibt bestehen, mit einer jährlichen Fluktuationsrate von über 40 %. Beschleunigte Investitionen in Automatisierung werden als Gegenmaßnahme eingesetzt, aber technologische Weiterentwicklungen brauchen Zeit.
Die 3PL-Branche (Logistikdienstleister) durchläuft einen "strategischen Wendepunkt": Die Kundenerwartungen verlagern sich von der Transaktionsabwicklung hin zur Orchestrierung der Lieferkette von Ende zu Ende. Zunehmende regulatorische Komplexität, Zollunsicherheiten und Veränderungen der grenzüberschreitenden Handelsströme treiben Unternehmen dazu, Partner zu suchen, die Transport, Lagerhaltung, Daten und Entscheidungen koordinieren können. Führende 3PL-Anbieter reagieren auf die neuen Anforderungen durch Skalierung, Erhöhung der Knotendichte, Integration von Echtzeit-Visualisierungstools und KI-Lösungen.
Technologiesprung: KI vom Experiment zum praktischen Nutzen
Der Bericht ist der Ansicht, dass künstliche Intelligenz von der Experimentierphase in eine Phase messbarer kommerzieller Wertschöpfung eingetreten ist. KI schafft Wert durch vier Fähigkeiten: Erklären, Vorhersagen, Vorschlagen und Ausführen. Die Akzeptanz ist jedoch ungleichmäßig – es gibt eine große Kluft zwischen Organisationen, die KI in ihre Kernarbeitsabläufe integriert haben, und solchen, die sich noch in isolierten Pilotprojekten befinden oder KI gar nicht nutzen.
Unter Arbeitskräfteeinschränkungen steigern Unternehmen die Produktivität durch Automatisierung und digitale Investitionen. Korhan Acar, Partner bei Kearney und Hauptautor des Berichts, stellt fest: "Moderne Lieferketten erzeugen weit mehr Informationen, als Organisationen selbst aufnehmen können. KI hilft Supply-Chain-Profis, sich auf die wichtigsten Entscheidungen zu konzentrieren, die Sichtbarkeit zu verbessern, die Prognosefähigkeit zu stärken und bei auftretenden Problemen früher einzugreifen."
Strategischer Schwerpunkt: Resilienz, Anlagenproduktivität und kontinuierliche Anpassung
- Der Bericht schlägt fünf strategische Prioritäten für Unternehmen in einem volatilen Umfeld vor:
- Gestaltung von Lieferketten mit dem Ziel der Resilienz statt reiner Effizienz
- Priorisierung der Anlagenproduktivität gegenüber Netzausbau
- Stärkung der Ende-zu-Ende-Sichtbarkeit und Entscheidungsintelligenz
- Beschleunigung der Rendite digitaler und automatisierten Investitionen
- Neubewertung der Kapitalallokation und des Investitionsrhythmus
"Profitables Wachstum ist für viele Organisationen zum klaren Ziel geworden", so Acar. "Die führenden Unternehmen werden diejenigen sein, die Resilienz mit digitaler Produktivität verbinden und sich durch kontinuierliche Anpassung Wettbewerbsvorteile schaffen."
Fazit: Der grundlegende Wandel der LogistikbrancheDie Kernbotschaft des 37. Logistikstatusberichts liegt nicht in einem isolierten Trend, sondern in einem Wandel der betrieblichen Logistik: von der „Zyklusoptimierung“ hin zur „kontinuierlichen Anpassung“. Für Entscheidungsträger in der Lieferkette bedeutet dies, die Erwartung ruhiger Zeiten aufzugeben und eine neue Normalität zu begrüßen, die stets nach einem Gleichgewicht in der Volatilität sucht. Diejenigen, die Anpassungsfähigkeit am schnellsten in ihrer DNA verankern und die Digitalisierung von Pilotprojekten auf breite Anwendung ausweiten, werden sich im nächsten Wettbewerbsabschnitt der globalen Fertigungs- und Logistikbranche einen Vorteil verschaffen.
Redaktionelle Spur · manufbrief
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